Stationären Handel digital anreichern

Es gibt reichlich Geschäfte in den Einkaufspassagen Deutschlands, die keinerlei mobile App anbieten und noch nicht einmal eine Webseite haben. Keine App anzubieten und diese bei iTunes oder im PayStore aktuell zu halten, halte ich nicht für weiter bedenklich in diesem Fall. Der Mangel einer (mobilen) Webseite ist jedoch ein Armutszeugnis: Das ist vergleichbar mit dem Mangel einer Telefonnummer. Dabei kann der stationäre Handel – traditionelle, alt-eingesessene Läden mit Stammkundschaft – nur von einer angemessenen Digitalisierung profitieren.

Viele solcher Läden merken langsam das zunehmende Alter ihrer Kundschaft und müssen sich in irgendeiner Weise neu erfinden, um ein jüngeres Publikum anzusprechen und damit neue Kundschaft, wünschenswerterweise wieder langfristig zu binden. Dafür ist keine größere, digitale Umstellung nötig! Es geht hierbei um eine einfache Anreicherung um digital verfügbare Informationen. Dies ist weder sehr schwer noch sehr aufwendig und zudem verändert es das langjährig praktizierte Ladengeschäft nicht. Anstatt das Kunden nur im Laden Produkte sehen und kaufen können, können sie auch parallel online über neue Angebote informiert werden. Hier halte ich den Handel online noch raus. Ein stationärer Handel, der gerade erst damit gerungen hat, eine eigene Webseite zu bekommen, wird wenig motiviert sein, sich komplett umzustellen und dann noch online Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Es stellt jedoch kein Problem dar, zu neuen Produktinformationen noch eine E-Mail Adresse und Telefonnummer darzustellen, dass potentielle Kunden ihr Interesse daran kundgeben können und eventuell Ware zurückgelegt werden kann. Hier geht es nicht darum, nur eine verwahrloste Webseite zu haben, sondern darum, diese aktiv in das Ladengeschäft einzubinden. Dafür muss diese Webseite selbstverständliche eine mobile Ansicht unterstützen!

Eine solche, minimal digitale Informationsanreicherung durch eine einfache Webseite, könnte auch dem sogenannten „Showrooming“ entgegenwirken.

„Showrooming“ ist der Begriff dafür, Produkte im stationären Handel zu prüfen und dann doch anderswo online zu kaufen.

Dieses Verhalten der Kundschaft ist genau das, wovor sich rein stationäre Läden fürchten: Sie haben die Arbeit und die Kosten, die Produkte auszustellen und eventuell auch noch potentielle Kunden zu beraten und dann kaufen diese – sehr dreisten – Kunden das selbe Produkt günstiger, anderswo online.
Bei vielen stationären Läden halte ich die Beratung für nicht sehr nützlich oder gar notwendig. Wenn man sich ein wenig mit digitalen Technologien auskennt und über die nötige „information literacy“ (Informationskompetenz) verfügt, findet man online wesentlich objektivere, genauere und umfangreichere Informationen zu den meisten käuflich zu erwerbenden Produkten oder Dienstleistungen.
Nichtsdestotrotz praktiziert die Hälfte aller Bürger Showrooming (dies war eine US-amerikanische Studie, daher wird es leichte Unterschiede zu Deutschland geben). Den Kunden in einem nächsten Schritt – wie hier anfänglich beschrieben – die Möglichkeit zu geben, auch bequem online einzukaufen, könnte ein paar dieser „Showroomer“ an den eigenen Laden binden:

Man stelle sich vor, man geht in ein alteingesessenes Bekleidungsgeschäft in einer Einkaufspassage. Man kennt die Besitzer, man kennt die Verkäufer. Man wurde gut behandelt und auch schon gut beraten (bei Bekleidung halte ich gute Beratung tatsächlich für nützlich). Jetzt hat man vielleicht nicht die Zeit dort einzukaufen, oder ist noch unentschlossen, nachdem man etwas anprobiert hat. Zuhause entscheidet man sich, doch diesen einen Mantel zu kaufen. Da man ihn im Bekleidungsgeschäft gesehen hat, besucht man als erstes dessen Webseite und lässt sich den Mantel zurücklegen oder kauft ihn direkt ein.

Hätte das Bekleidungsgeschäft keine Webseite, wäre es wahrscheinlicher, dass man im Internet sucht und den Mantel im nächstbesten Versandhandel kauft. Mit Webseite besteht wenigstens noch eine Chance, diesen Kunden zu halten. Darüberhinaus kann man online neue Kundschaft ansprechen, die als Laufkundschaft nicht an dem stationären Laden vorbei käme oder hinein ginge.

Wenn man vorher nur ein stationärer Handel war, ist man nun ein stationärer Handel PLUS!

Digitale Technologien sind ein Werkzeug, nicht nur um komplett Neues zu schaffen, sondern auch um bestehendes zu verbessern. Es ist überhaupt nicht nötig, dass man sich komplett auf digitale Technologien umstellt und den stationären Handel, den man jahrzehntelang erfolgreich praktiziert hat, über Bord wirft. Dies wäre der falsche Weg, der niemandem nutzt. Ein radikaler Wandel zum online Handel wäre für solche Läden schädlich, da plötzlich alles anders ist. Und wie ich es schon beschrieben hatte, mögen Menschen Veränderungen nicht und möchten den status quo erhalten. Ladenbesitzer wären demotiviert, da sie mit den „neuen“ Technologien (seit ~1995 gibt es in Deutschland flächendeckend Internet) nicht so geschickt umgehen können, wie sie es mit ihrem Laden in den letzten Jahrzehnten gelernt haben. Es wäre nicht nur die Demotivation sondern auch einfach die mangelnde Kompetenz im Umgang mit digitalen Technologien, worunter der Handel leiden würde. Es würde weniger Zeit investiert werden in das, was man beherrscht und mehr Zeit, in das was man nicht beherrscht. Dies würde zu einem (vielleicht nur anfänglichen) Verlustgeschäft führen.

Eine einfache, schrittweise Anreicherung des Ladengeschäfts um digitale Informationen ist eine langsame, schrittweise Veränderung, welche Menschen wesentlich leichter fällt, als eine schnelle, große Veränderung. Mit einer einfachen Webseite anzufangen, ist ein kleiner Schritt, der zu großen Gewinnen führen kann.