Die aktuelle Tätigkeit eines Psychologen

Meinen letzten Beitrag über den Alltag eines Psychologen haben erstaunlich viele Menschen gelesen, daher gehe ich hier einmal näher darauf ein, wie meine aktuelle Tätigkeit kurz vor der Fertigstellung meiner Doktorarbeit am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen aussieht.

Meine primäre Aufgabe besteht aktuell daraus, einen Mantel um meine Publikationen zu schreiben. Anders als bei einer Monographie, wo man die durchgeführten Studien und Erkenntnisse in einem langen Text von oben nach unten voll ausschreibt, handelt es sich bei mir um eine „pseudo-kumulative Dissertation“. Laut der Promotionsverordnung werden mindestens „zwei zur Veröffentlichung akzeptierte Manuskripte“ von mir verlangt, auf die ich in dem besagten Mantel hinführe und dann zusammenfassend diskutiere. Da bereits ein „Peer-Review“ der Artikel von unabhängigen Gutachtern stattgefunden hat und diesen somit ein gewisses Maß an Qualität bescheinigt wurde, muss ich keine lange Monographie schreiben, sondern hänge die von mir verfassten Artikel in den Anhang. Meine Artikel umfassen ein recht breites Spektrum der Psychologie: Der erste ist eher IT, der zweite ist eher Management und der dritte eher klassische Psychologie.

Glücklicherweise wurde bereits ein Artikel von mir in der Zeitschrift „Computers in Human Behavior“ publiziert, wo ich die Bedeutung von Informationsaustausch in computerunterstützten Verhandlungen hervorhebe und eine Möglichkeit aufzeige, wie dies ohne Vorwissen und ohne Training zu besseren Verhandlungsergebnissen führen kann.

Einen weiteres Manuskript habe ich bei „Group Decision and Negotiation“ eingereicht. Dort habe ich versucht einen Schritt weiter zu gehen und die Möglichkeiten einer computerunterstützten Verhandlung stärker zu nutzen und das Verhandlungsergebnis durch den Austausch detaillierterer Informationen – wieder ohne Vorwissen oder Training – weiter zu optimieren. Das hatte eine andere Wirkung als man meinen möchte: Mehr Computer und mehr Informationen haben die Verhandlungsergebnisse nicht verbessert. tatsächlich waren die Verhandlungspartner unzufriedener, unehrlicher und unfairer.
Ich warte dort auf die Antwort der Gutachter. Ganz selten hat man Glück mit den Gutachtern und sie sind hellauf begeistert von der eigenen Arbeit und winken das Manuskript quasi durch. Meistens sind die Gutachter sehr kritisch, haben aber mehr oder minder gute Einwände auf die man in irgendeiner Weise eingehen muss, damit das Manuskript als Artikel akzeptiert wird. Manchmal hat man aber auch einfach Pech und kommt an Gutachter (oder auch einen noch davor stehenden Assistenz-Editor, der die Gutachter aussucht) die nicht sehr gut gewählt worden sind. Diese haben wenig Ahnung vom Thema und dementsprechend vernichtend ist dann ihre Ablehnung des Manuskripts. Natürlich kann man auch einfach schlecht geschrieben haben, aber auf dem Niveau auf dem wir hier im Leibniz-Institut für Wissensmedien arbeiten, liegt es zumindest nicht an der Qualität der Forschung.

Ein drittes Manuskript liegt bei „Personality and Individual Differences“. Hier bin ich auf die unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten eingegangen, die das individuelle Verhandlungsergebnis in einer computerunterstützten Verhandlung beeinflussen könnten. Interessanterweise spielen die eigenen Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten kaum eine Rolle für die Qualität des eigenen Verhandlungsergebnisses. Vom Verhandlungspartner hängt ab, wie gut das eigene Ergebnis ist. Ist er „gut“ ist das eigene Ergebnis gut. Ist er „schlecht“ ist das eigene Ergebnis schlecht.
Hier warte ich auch auf die Antwort der Gutachter. …Natürlich könnten die beiden Manuskripte von den Gutachtern abgelehnt werden. Das würde für mich bedeuten, die etwaigen Fehler auszubessern und dann die Manuskripte bei anderen internationalen Fachzeitschriften einzureichen.

Während also die für meine Dissertation nötigen Artikel entweder fertig sind oder zumindest bereits begutachtet werden, muss ich nun den Mantel drumherum schreiben, der meine Forschungsprojekte mit einem klaren, roten Faden, zu einem Paket schnürt. Das ist leider Gottes sehr zäh. Nicht nur das ich diese drei Artikel/Manuskripte habe, ich bin auch noch bei zwei Artikeln Coautor zum Thema Informationsaustausch zur computerunterstützten Lösung von Problemen. Diese zwei Artikel sind quasi die geistigen Eltern meiner Forschungsprojekte und spielen auch eine kleine Rolle in meiner Dissertation, die ich zumindest erwähnen werde. Darüber hinaus ist es echt anstrengend, wenn man jetzt zum vierten mal in Folge (drei Artikel und jetzt der Mantel) fast die selbe Literatur zitiert. Man formuliert immer und immer wieder die selben Inhalte um, so dass sie dem Anlass entsprechend passen. Ich werde nicht plötzliche Darwin oder Einstein zitieren, der Inhalt meiner Forschungsprojekte wird sich nicht plötzlich verändert haben.

Auf jeden Fall ist es sehr viel Kopfarbeit. Man kopiert einen Abschnitt aus einem der Artikel, fügt ihn in den Mantel ein. Dann schreibt man ihn um. Paar Stunden später liest man den umgeschriebenen Abschnitt und stellt fest, dass er nicht gut ist oder von der Struktur des Mantels an diese Stelle so nicht passt. Man löscht ihn wieder oder schreibt ihn nochmal um oder man schiebt ihn für später an eine andere Stelle im Mantel. Stück für Stück wird der Mantel vollständiger. Aber es ist wirklich zäh! Hinzu kommt, dass man der erste Mensch ist, der über das Thema seiner oder ihrer Dissertation schreibt. Es gibt nicht wirklich eine Vorlage an der man sich orientieren kann. Man erschafft auch hier etwas komplett neues in selbständiger Pionierarbeit.

Hauptsächlich arbeite ich an meinem Mantel aber darüber hinaus gibt es noch Nebenprojekte die ich mit bearbeite, diverse Meetings an denen ich teilnehmen muss, Weiterbildungen für die ich mich eingetragen habe und Lehre, die ich als Dozent an der International School of Management in Stuttgart vorbereiten muss.

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