Der Alltag eines Psychologen

Hier möchte ich einmal für Außenstehende beschreiben, wie der Alltag als Psychologe in einer Forschungseinrichtung aussieht. In einem Folgebeitrag gehe ich näher auf meine aktuelle Tätigkeit in etwas mehr Detail ein.

Begriffsabgrenzung

Ich habe schon beschrieben, dass es sich bei der Psychologie um eine Naturwissenschaft handelt und man sich dort viel mit der statistischen Auswertung von Daten beschäftigt. Darüber hinaus gibt es Schulpsychologen, Unternehmensberater und reichlich andere Stellen, bei denen fundiertes Wissen über menschliches Erleben und Verhalten notwendig ist. Das ist in der Regel aber nicht das, was sich die Allgemeinbevölkerung unter einem Psychologen vorstellt. Zumeist denken Menschen hier an einen Psychiater oder einen Psychotherapeuten, Begriffe, die synonym verwendet werden aber sich unterscheiden.

Psychiater

Ein Psychiater hat Medizin studiert und ist ein Arzt, der eine Weiterbildung im Bereich Psychiatrie gemacht hat. Als Mediziner darf dieser Medikamente verschreiben, was für viele psychische Krankheitsbilder durchaus notwendig ist wo auch eine stationäre Unterbringung Sinn hat. Vieles lässt sich nur medikamentös von einem Psychiater erfolgsversprechend behandeln wie z. B. Schizophrenie mit Wahnvorstellungen oder schwere Depressionen. Solch auffällige Personen bitte schnellstmöglich in eine psychiatrische Einrichtung bringen auch wenn es Überwindung kostet. Je eher diesen Menschen geholfen wird, desto eher geht es wieder weg bzw. desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder weitgehend weggeht. Unbehandelt wird es nur schlimmer! Eine mögliche Stigmatisierung „Er war in der Psychiatrie!“ ist ein sehr kleiner Preis für die seelische Integrität. 

Psychotherapeut

Ein Psychotherapeut ist ein Psychologe, der nach abgeschlossenem Studium eine Weiterbildung zum Therapeuten angehängt hat. Dieser darf (noch) keine Medikamente verschreiben kennt sich jedoch sehr genau mit psychischen Störungen, ihren Ursprung und ihrer Linderung aus. Hier gibt es verschiedene Schulen die entweder komplett überholt und nicht nachweislich wirksam sind, wie die Psychoanalyse, oder viele Wirksamkeitsnachweise vorlegen können, wie die Kognitive Verhaltenstherapie. Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie zeigt eine junge Meta-Analyse (eine Auswertung verschiedenster Studien zu einem Thema um ein Gesamtbild zu bekommen), dass auch hier die Wirksamkeit langsam nachlässt und neuer Handlungsbedarf besteht, die Therapieform zu überholen.

Psychologe

Ein Psychologe ist in erster Linie ein Wissenschaftler, wobei dies auch von der jeweiligen Universität abhängt. Die Justus-Liebig-Universität Gießen legt sehr großen Wert darauf, dass es eine gnadenlos auf Wissenschaft ausgelegte Ausbildung gibt. Letztlich ist dies auch unsere Daseinsberechtigung: Ohne wissenschaftliche Fundierung, wären Psychologen nur Schwätzer. In vielen Teilen sind sie das leider auch! Denn A) war die wissenschaftliche Orientierung früher nicht sonderlich stark ausgeprägt und B) gibt es noch reichlich Universitäten, die es mit der Psychologie weiterhin nicht so wissenschaftlich halten. Letztere sind auf die Ausbildung von schwammigeren Psychotherapeuten ausgelegt, bei denen eine wissenschaftliche Basis nicht nur für den Beruf unnötig sondern auch unvorteilhaft wäre.

Psychologie in der Forschung

Um es kurz zusammenzufassen, besteht der Alltag eines wissenschaftlich arbeitenden Psychologen sehr viel aus Tippen. Wir denken nach, rechnen und dokumentieren Studien für die Veröffentlichung in internationalen Fachzeitschriften. Wer schon mal eine große Hausarbeit geschrieben hat wie z. B. Diplom-, Magister-, Bachelor- oder Masterarbeit, der kann sich schon mindestens 50% der Tätigkeit eines wissenschaftlich arbeitenden Psychologen vorstellen. Das ganze aber natürlich wesentlich selbstständiger und ohne nähere Anleitungen. Das ist aber auch abhängig vom Forschungsinstitut, einer Universität und den einzelnen Abteilungen und Abteilungsleitern, wie viel Kontrolle aber auch Hilfestellung man erhält.

Die anderen 50% bestehen meistens aus Lehre, Weiterbildung, Konferenzen und der eigentlichen Konzeption, Erstellung und Durchführung von Studien.

Lehre – Häufig kommt es vor, dass man Studenten in Seminaren unterrichtet. Bis man einen Doktortitel hat, macht man dies als Vertretung oder als Tutor. Professoren haben ihre Vorlesungen und Seminare die sie zu all ihrer restlichen Arbeit und den 100 täglichen E-Mails bewältigen müssen.

Weiterbildung – Man lernt niemals aus! Man geht auf Workshops und mehrtägige Seminare um sich in statistischen Auswertungsmethoden weiterzubilden oder um sich in Themen wie „Projektmanagement“ oder „Gelungene Konferenzpräsentationen“ einzuarbeiten.

Konferenzen – Um die Sichtbarkeit der eigenen Forschung etwas zu erhöhen und um Verbindungen zu anderen Forschern zu knüpfen, spielen Konferenzen eine wichtige Rolle. Je nach Aufwand den man betreibt und dem Thema der Forschung hält man auf Konferenzen und Fachtagungen entweder einen Vortrag oder stellt ein Poster mit den wesentlichen Aspekten der aktuellen Forschung dar.

Studien – Der Motor und die Grundlage für alles in der Wissenschaft. Ohne Studien keine Publikationen. Und über die Anzahl der hochrangigen Publikationen werden wir bemessen. Wird zu wenig publiziert, werden auch gerne ganze Institute geschlossen. Hier taucht auch häufig die Problematik zwischen Quantität und Qualität auf. Beides steht konträr zueinander: Man kann viele Studien oder eine richtig umfangreiche Studie machen und diese in einem Artikel in einer qualitativ sehr hochwertigen wissenschaftlichen Fachzeitschrift publizieren (sofern man denn die unabhängigen Gutachter vom Fach dort überzeugen und zufriedenstellen kann). Oder man kann viele Studien machen und in vielen Artikeln, in immer noch sehr guten Fachzeitschriften, aber eben nicht grandiosen, veröffentlichen.

 

Die Wissenschaft ist ein hartes Pflaster. Viel Kritik wenig Lob und unsichere Arbeit – meine Arbeitsverträge liefen 5 Monate, 8 Monate, zwei Jahre, ein Jahr, 6 Monate, 6 Monate. Entweder man wird hart oder man zerbricht daran. Ständig wird die eigene Leistung der durchgeführten Studien, auf Konferenzen und bei der Einreichung von Manuskripten bei Fachzeitschriften in Frage gestellt. Auch wenn ich eine Person kenne, die das absolute Gegenteil ist:

Niemand ist so selbstkritisch und stellt die eigenen Leistungen so in Frage, wie wissenschaftlich arbeitende Psychologen.

Dabei müssten wir uns gar nicht so verstecken und unser Licht unter den Scheffel stellen. Wir stampfen komplette Projekte aus dem Boden, konzipieren diese, erzeugen sie und führen sie durch, koordinieren Arbeit mit unterschiedlichen Partnern, delegieren Aufgaben an Hilfskräfte, werten Studien statistisch aus, dokumentieren sie in Konferenzbeiträgen und Fachartikeln und präsentieren die destillierten Ergebnisse vor einem internationalen Publikum das keine Fehler verzeiht.

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